Ergebnisse der Evaluation des FSJ auszeit

Geschrieben von AP am in Evaluation des FSJ auszeit, Institutnews

„Also ich fand es richtig gut und ich glaube auch nicht, dass ich ohne das FSJ die Schule so meistern würde. Ich glaube, ich habe die Pause auch gebraucht, diesen Abstand von der Schule. Mal zu wissen, wie das ist ohne Schule. Ein Jahr lang zu arbeiten, jeden Tag mega früh aufstehen, abends wiederkommen, voll fertig sein. Auch mal Ärger haben, Stress mit dem Chef oder so“

So fasst der Jugendliche, den wir aus Datenschutzgründen Max nennen, seine Erfahrungen nach einem Jahr Auszeit von der Schule im Freiwilligendienst zusammen.

Mit dem FSJ auszeit hat das Diakonische Werk Württemberg eine bildungspolitische Innovation im Bereich der Freiwilligendienste entwickelt, die sich dem zunehmenden Bedarf von Schüler_innen nach einer „Auszeit“ innerhalb ihrer schulischen Laufbahn annimmt.

IRIS e.V. war seit Oktober 2015 mit der Evaluation des Projekts beauftragt. Ziel der Evaluation war es herauszufinden, inwieweit sich das Ableisten des Freiwilligendienstes positiv auf die Schulkarriere, also etwa die Lernbereitschaft und -motivation auswirkt und welche Kompetenzen die Teilnehmenden durch den Dienst erwerben, die nicht nur für den Wiedereinstieg in den Schulalltag, sondern auch darüber hinaus nutzbringend sind. Seit August 2018 heißt das Projekt “FSJ mittendrin“, um deutlich zu machen, dass es dabei meist um anstrengende Arbeit geht.

Jetzt liegt der Abschlussbericht der Evaluation vor und kann als PDF vom Datenspeicher Zenodo heruntergeladen werden: DOI

Das Evaluationsdesign umfasste neben zwei schriftlichen Befragungen der Teilnehmer_innen zu Beginn und gegen Ende des Freiwilligendienstes auch eine Gruppendiskussion während der Dienstzeit und Einzelinterviews im Nachgang zur Rekonstruktion individueller Verläufe und den Wirkungen der Teilnahme über die Dienstzeit hinaus.

Von 26 Teilnehmer_innen aus den drei Jahrgängen 2015-2017, von denen 20 den Dienst wie geplant absolvierten, konnten 13 per Fragebogen erreicht werden. Mit 13 wurden intensive, biographische Interviews geführt. Außerdem wurde ein Reflexionsseminar im letzten Jahrgang für Gruppenarbeiten genutzt, bei dem Fragen nach dem Stellenwert des Dienstes im größeren Lebenskontext der Teilnehmenden aus der aktuellen Perspektive während des Dienstes im Mittelpunkt standen.

Wichtigste Ergebnisse

  • Das FSJ auszeit stellt eine bildungs- und übergangspolitische Innovation dar, indem es Jugendlichen mit erheblichen Schulproblemen eine Möglichkeit eröffnet, aus Situationen, die in aller Regel einen Schulabbruch nach sich ziehen würden, eine vorübergehende Unterbrechung der Schulkarriere zu machen.
  • Häufig stellen leistungsbezogene Problematiken den Anlass für schulische Interventionen dar. In den Interviews mit den Teilnehmenden stellten sich diese jedoch meist als Teil einer komplexeren Problemlage mit in manchen Fällen gewichtigen psychischen Belastungen heraus.
  • Für die meisten Teilnehmer_innen stellt die Teilnahme am FSJ auszeit tatsächlich ein positives Moratorium dar, während dem es ihnen gelingt, über Erfahrungen der Wertschätzung und Anerkennung seitens der Einsatzstelle, der Kolleg_innen oder der Betreuten neue Motivation für weitere Bildungsschritte aufzubauen. Die Zahl der vorzeitigen Abbrüche ist nicht höher als in anderen Formen des FSJ.
  • Bis auf wenige Ausnahmen, bei welchen Bewerbungsverfahren noch nicht abgeschlossen sind und wir die abschließende Platzierung noch nicht kennen, wählten alle Teilnehmenden im Anschluss an das FSJ die Fortführung ihrer Laufbahn in Bildung und Ausbildung. Allerdings entschied sich eine Mehrzahl der Teilnehmer_innen für die Fortsetzung ihrer Schulkarriere an einer anderen Schule oder Schulart als die vor dem FSJ besuchte.
  • Die rekonstruktiv angelegten Interviews belegen die vielfältigen Zugewinne an Kompetenzen, die in der schwierigen Schulsituation verdeckt waren, bis hin zu nachhaltigen Wandlungsprozessen, die eine völlige Umkehr des negativen Selbstbilds der Teilnehmenden beinhalten. Es lässt sich festhalten, dass während des Freiwilligendienstes komplexe Bildungsprozesse stattfinden, deren Ertrag auch auf den weiteren Bildungsverlauf anwendbar ist.
  • Wo dies nicht gelang und der Dienst nicht durchgehalten werden konnte, lagen erhebliche persönliche Problemlagen auf Seiten der Teilnehmenden vor, die nicht mit den vorhandenen Strukturen des Dienstes aufzufangen waren.
  • Die heterogene Ausgangssituation der Teilnehmenden, ihre räumliche Verteilung über ganz Württemberg und die unterschiedliche Taktung machen die Organisation eines spezifischen Betreuungs- und Begleitangebots schwierig. Manche der Teilnehmenden hätten sich ein solches Programm gewünscht, für die Mehrzahl jedoch war die Eingliederung in das Standard-Begleitprogramm insofern zielführend, als es ihrem Bedürfnis, als „ganz normale“ FSJler_innen wahrgenommen zu werden entgegenkam.

Empfehlungen

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse lassen sich aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung eine Reihe von Empfehlungen zum weiteren Vorgehen ableiten:

  • Das FSJ auszeit stellt eine sinnvolle Ergänzung der bisher bestehenden FSJ-Angebote dar. Zudem konnte auch gezeigt werden, es sich beim FSJ auszeit um eine wirksame Einrichtung handelt, die den weiteren Bildungsverlauf positiv beeinflussen kann. In den meisten untersuchten Fällen werden anschließend weitere Bildungsbemühungen getätigt. In jedem Fall müssen Rahmenbedingungen in Form einer bisher noch nicht gegebenen Absicherung der Möglichkeit einer Unterbrechung der Schulzeit durch die Zusicherung der Wiederaufnahme der abgebenden Schulen bereitgestellt werden. Für Schulleitungen, Eltern und die Schüler_innen ist es von großer Bedeutung, dass die Wiederaufnahme der abgebenden Schule schulrechtlich sichergestellt ist, vergleichbar mit der Wiederaufnahme nach einem Auslandsjahr.
  • Welche Maßnahmen im Rahmen des Angebots (weiter-) entwickelt werden könnten, hängt sehr stark von der zukünftigen Finanzierung des Angebots ab. Wird das Programm nach Auslaufen der Projektförderung ab 2018 im Rahmen der Regelfinanzierung des FSJs, also ohne Verbreiterung der Finanzierungsbasis, fortgeführt, sollte der Träger dafür sorgen, dass das Angebot einem weiteren Kreis von Schulen als Erweiterung ihres Handlungsrepertoires in schwierigen Situationen insbesondere in den Klassen 9 bis 11 bekannt gemacht wird.
  • Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn Einsatzstellen und Bildungsreferent_innen für die besondere Situation der „Auszeitler_innen“ sensibilisiert und sie dadurch in ihrer Kompetenz des aktiven Zugehens auf Teilnehmer_innen mit diesem Hintergrund gestärkt würden. Dies betrifft auch die Fähigkeit zur kompetenten Weitervermittlung bei verdeckten psychischen Problemlagen.
  • Zu debattieren wäre ein Szenario, das den flächendeckenden Ausbau des Programms beinhalten würde. Dabei wären insbesondere die Frage zu diskutieren, wie ein dann zusätzlich zu finanzierendes Begleitprogramm gestaltet werden könnte, das die hier skizzierten, heterogenen Bedürfnisse der Teilnehmer_innen sinnvoll aufgreift.

Weitere Hintergründe zum Projekt auf der Website von IRIS e.V.

Ansprechpartner*innen bei IRIS: Isabelle Riedlinger und Dr. Axel Pohl

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